Mit dem Quartalsqurator starten wir ein neues Feature, das eine inspirierende Übersicht über das letzte up & coming – Quartal bieten soll. Für den Quartalsqurator laden wir alle drei Monate einen Vertreter aus der Kunstszene ein, sich die Arbeiten der Künstlerinnen und Künstler aus dem vorangegangenen Quartal anzuschauen und für uns eine Auswahl von Favoriten zu kuratieren. Für den ersten Quartalsqurator haben wir uns mit Patrick Frey getroffen.

GASTKURATOR: PATRICK FREY

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Es gibt viele Bezeichnungen für Patrick Frey, darunter Autor, Kabarettist und Schauspieler. Vor allem aber hat er jahrelang als Kunstkritiker über Gegenwartskunst geschrieben, ist seit 1986 Verleger des Kunstbuchverlags Edition Patrick Frey und ein leidenschaftlicher Kunstsammler. Er hat für uns die Künstlerinnen und Künstler des vierten Quartals 2014 angeschaut und uns im gemeinsamen Gespräch seine Favoriten gezeigt. Hier ist seine Auswahl.

 

Es gibt für mich bei den Künstlern zwei Grundtypen: Zum Einen gibt es die Akademieabgänger, die viel wissen oder alles zu wissen glauben. Dort verlange ich einen überaus hohen Grad an Bewusstsein, wenn eine Arbeit auf die Kunstgeschichte, auf ein anderes Kunstwerk  Bezug nimmt. Das halb-bewusst/halb-unbewusste Arbeiten funktioniert in diesen Fällen nicht. Zum Anderen gibt es den Typus des Künstlers, der sich weniger um bestehende Referenzsysteme kümmert, unbekümmerter vorgeht und sich selbst ein Referenzsystem zurecht bastelt. Grundsätzlich sympathisiere ich mit diesem zweiten Künstlertypus, da ist viel Potenzial. Allerdings kann diese Haltung schnell auch mal naiv wirken.

Warum ich gewisse Arbeiten auf den ersten Blick gut finde oder nicht, ist schwierig zu sagen. Meistens ist da sofort eine bestimmte Intensität zu spüren. Oft geht es dabei gar nicht um die Grundidee, sondern vielmehr darum, wie diese Idee umgesetzt wurde. Die Gesamtqualität einer Arbeit kann an einem kleinen Detail sichtbar werden, am Esprit einer Arbeit oder an der Haltung des Künstlers. Vielleicht ist die einzelne Arbeit selbst gar nicht so beeindruckend, dafür aber die künstlerische Haltung. Letztendlich muss eine Entscheidung aber immer vom Werk ausgehen – Theorien und Intentionen der Künstler interessieren mich in der Regel nur, wenn sie sich im Werk auch wirklich manifestieren.

 

Martin Gut

Martin Gut, Gedenkstätte unerfüllter Versprechen, 2012

Martin Gut, Gedenkstätte unerfüllter Versprechen, 2012

Martin Gut ist sehr eigenständig, sehr unbekümmert und unakademisch, teils auch etwas naiv. Die Werke „Spiel mir das Lied der Erde“ und die „Gedenkstätte unerfüllter Versprechen“ sind richtig gute Arbeiten; alleine für die Gedenkstätte würde ich ihn in die Auswahl nehmen. Die meisten Versprechen sind unerfüllt, und mit der Gedenkstätte schafft Gut einen Raum, den man betreten und sich an all diese Versprechen erinnern kann. Ich finde das Werk ist unglaublich reich. Der Künstler hat viel Potenzial.

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Ona Sadkowsky

Ona Sadkowsky, Shitty Boobie, 2014

Ona Sadkowsky, Shitty Boobie, 2014

Der Stil von Ona Sadkowskys Arbeiten ist überhaupt nicht mein Stil, zum Teil sind ihre Figuren gar so, dass sich alles in mir sträubt, aber dennoch sind sie visuell unglaublich stark. Die Künstlerin arbeitet mit einer fetten Ligne claire und einer Art von Abstraktion, die bis an die Kitschgrenze und darüber hinausgeht. Das ist eigenständig. Es ist Street Art-inspiriert, aber es ist keine Street Art. Auch ihr Figurenarsenal mit dieser weiblichen Keith Haring-Anmutung, ist sehr clever und originell. In ihrer Vereinfachungsmanie kreiert sie Figuren, die extrem böse aber trotzdem lieblich sind. Die plakative Wirkung ihrer Arbeiten ist erstaunlich. 

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Roman Sonderegger

Roman Sonderegger, Hast du etwas Zeit für mich, 2014

Roman Sonderegger, Hast du etwas Zeit für mich, 2014

Für mich ist Roman Sonderegger der klassische Bildhauer in der Tradition der Architekturplastik. Es hat in der hier präsentierten Auswahl ein paar sehr schöne Arbeiten, die auf einfache, aber sehr wirksame Weise mit  Schichtungen und Equilibres spielen, mit der Fragilität von Gerüsten, mit Druck, Statik und räumlicher Struktur. Seine Arbeiten sind immer sehr sorgfältig und sauber umgesetzt. Schweizer Plastik at its best. Vor allem der White Cube und die Telefonkabine mit den roten Luftballonen gefallen mir gut.

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Franco Domenico Sosio-Habegger

Franco Domenico Sosio-Habegger, Beichtstuhl, 2014

Franco Domenico Sosio-Habegger, Beichtstuhl, 2014

Franco Domenico Sosio-Habegger ist ein starker Kontrast zu Roman Sonderegger – er bezieht sozusagen eine Gegenposition. Im weitesten Sinne kann man ihn in eine Urs Fischer-Genealogie einbetten. Es sind überraschende Gebilde, chaotisch, heterogen und disparat, es ist ein wildes Denken am Werk, ein wenig auch im Stil von Beni Bischof. Der Künstler denkt ausgesprochen dreidimensional, plastisch. Besonders gefallen mir die Arbeit mit den verbrannten Plastikteilen auf dem Gartenstuhl, sowie der „Milchbrunnen“. Gewisse  Materialkombinationen, etwa Steine, Spiegel und Glas sind sehr sinnlich, andere tun richtig weh. Auch bei Roman Sonderegger finden sich solche stofflichen Begegnungen, aber bei Franco Domenico Sosio-Habegger sind sie viel weniger  gefasst und kontrolliert.

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Alaa Abu Asad

Alaa Abu Asad, Butt, 2012

Alaa Abu Asad, Butt, 2012

Bei Alaa Abu Asad war ich mir lange nicht sicher, ob ich ihn in die Auswahl nehmen soll. Der Stil der verschiedenen Fotografien ist komplett unterschiedlich; das Werk ist facettenreich und vielfältig, was es aber auch schwierig zu fassen macht. Für mich wirkt der Künstler suchend, als hätte er seinen eigenen Stil noch nicht richtig gefunden. Vielleicht hat das auch mit seiner Herkunft und dem ungeheuren biografischen Spagat zwischen Palästina und dem Aargau zu tun. Auf jeden Fall gibt gibt es mehrere  Arbeiten, denen ein flüchtiges, kaum zu fassendes Geheimnis innezuwohnen scheint, deren atmosphärische  Ausstrahlung mich sehr beeindruckt hat.

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