GASTKURATOR: Felicity Lunn

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Felicity Lunn ist seit 2012 die Direktorin des CentrePasquArt in Biel. Davor war sie Regional Curator der UBS Art Collection (2009 bis 2011), Direktorin des Kunstvereins Freiburg (2005 bis 2008) und Kuratorin an der Whitechapel Art Gallery in London. Daneben war sie Dozentin an mehreren Universitäten und Hochschulen, hat für Kunstzeitschriften wie Artforum International und Frieze geschrieben und als freie Kuratorin gearbeitet. Für uns hat sie die Künstlerinnen und Künstler des ersten Quartals 2015 angeschaut und uns im gemeinsamen Gespräch ihre Favoriten gezeigt. Hier ist ihre Auswahl.

 

Es ist grundsätzlich schwierig zu sagen, wieso ich ein Kunstwerk als "gut" empfinde. Ein Werk muss überzeugen im Sinne der Qualität, der Technik, der Originalität und der Authentizität. Der Begriff "innovativ" wird heutzutage viel zu oft verwendet. Wenn ich einen Künstler für eine Ausstellung einlade ist es für mich aber wichtig, dass das Werk etwas hat, was ich in dieser Form noch nicht gesehen habe und mich überrascht. Kunst muss mich zum Denken bringen, irritieren, mich vielleicht provozieren und mich neugierig machen. Um von einer Arbeit richtig gepackt zu werden muss sie in den ersten paar Sekunden erfolgreich sein und schnell überzeugen können - wenn Besucher in einer Ausstellung nicht sofort gepackt werden, ist es schwierig, sie an ein Werk heranzuführen. Ich muss nicht unbedingt sofort alles verstehen aber eine Arbeit sollte etwas Sinnliches und visuell Spannendes haben. Auch wenn sie konzeptuell ist und vielleicht minimalistisch oder trocken daherkommt, sollte etwas Emotionales ausgelöst werden, das mich beim Werk behält.

Für mich gibt es kein Medium wo ich sagen würde "Nein, damit kann ich nichts anfangen." Dies wäre eine zu geschlossene Haltung - für die Kunst muss man offen sein. Es gibt Medien wie zum Beispiel die Malerei, zu der erstaunlich viele KuratorenInnen und KünstlerInnen sagen "Ich kann damit nichts anfangen, ich verstehe sie nicht." Ich habe manchmal den Eindruck, viele haben etwas Angst vor diesem Medium. Ich persönlich arbeite grundsätzlich mit KünstlernInnen aller Medien, aber ich habe eine gewisse Nähe zu Malerei: Ich mache jedes Jahr konsequent eine grosse Einzelausstellung mit einem Maler oder einer Malerin. Das ist wie ein roter Faden durch mein Programm, teilweise ist dies auch strategisch, da viele Häuser in der Schweiz heutzutage sehr wenig Malerei zeigen.

 

Anna Diehl

Anna Diehl, Untitled, 2014

Anna Diehl, Untitled, 2014

Anna Diehls Arbeiten sind eine interessante Mischung aus klassischer Fotografie - in der Tradition der Düsseldorfer Becher Schule - und Intervention. Die klassischen frontalen Aufnahmen des zentrierten Sujets sind sehr ansprechend, und trotzdem haben sie immer etwas Merkwürdiges, etwas das nicht ganz passt... Vielleicht täusche ich mich, aber es scheint nicht als ob sie einfach in die Welt geht und fotografiert was sie interessant findet, sondern dass sie interveniert. Die Bilder wirken auf jeden Fall inszeniert auf mich und haben etwas Merkwürdiges, Künstliches, und das macht mich neugierig. Diese Interventionen geben den Bildern eine menschliche Ebene, aber auch etwas Surreales, Absurdes. Man sieht nie Personen, aber was sie fotografiert sehe ich oft als ein Ersatz für den Menschen und dessen Handeln. Auch die Details sind sehr schön: Die Lichtführung, die Details des Grases, das Grün der Container. Sie hat ein Auge für Farbe, für Kompositionen, für die Verbindung zwischen dem Künstlichen und dem Natürlichen. Mich macht diese Arbeit sehr neugierig.

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Florian Graf

Florian Graf, Be, Leave, 2011

Florian Graf, Be, Leave, 2011

Ich kenne Florian Grafs Arbeit schon länger und war immer sehr davon angetan. Jedes Mal wenn er eine neue Arbeit zeigt, überrascht sie mich. Natürlich arbeitet er oft mit Raum und Architektur, aber jedes Mal kommt ein neues Überraschungs-  und ein Humorelement hinein. Spannend ist, dass seine konstruierten Illusionen stärker wirken, je länger man sie betrachtet. Zum Beispiel die Arbeit "Be, Leave": Diese Strukturen innerhalb der Kirche sind unglaublich intelligent, überzeugend raumbezogen und gut gemacht. Die Struktur ist total anders als die Formen und Masse der Kirche, viel geometrischer und minimalistischer und relativ einfach. Und trotzdem passt die Intervention und lenkt die Aufmerksamkeit auch auf die Architektur der Kirche. Bei seinen Arbeiten denke ich zuerst oft "Ha, das ist ein bereits existierendes Gebäude, aber irgendwas stimmt hier nicht." Erst auf den zweiten Blick nehme ich diese völlig neue Konstruktion wahr. Er überzeugt, weil er diesen Realismus mit dem Surrealen und Künstlichen zusammenbringen kann. Man merkt auch, dass er etwas von Architektur versteht: die konstruierten Bauten, die wunderschönen Strukturen und Formen, der Umgang mit Raum. Immer eine sehr klare, schöne Metapher, eine von der Funktionalität losgelöste Struktur und dazu immer ein spielerischer, mehrdeutiger Titel. Zu seinen Arbeiten könnte man immer eine spannende Geschichte erzählen.

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Patric Sandri

Patric Sandri, Untitled, 2014

Patric Sandri, Untitled, 2014

Wie bereits angetönt: Die Malerei ist ein Medium das mich immer wieder interessiert, ich arbeite sehr gerne mit MalerInnen. Die Malerei war nie tot und hat nach wie vor enorm viel Potenzial. Und was Patric Sandri mit der Malerei macht finde ich sehr interessant: Die Farbe, die Leinwand, die Keilrahmen. Er nimmt diese seit Jahrhunderten vorgegebenen Elemente eines gemalten Bildes und macht sie zum Thema seiner Arbeit. Weil die Arbeiten Transparenzen haben, nimmt man die Räumlichkeiten davor und dahinter wahr, die Bedingungen der Malerei werden offengelegt. Da ist diese Illusion von Farbe, von Form - alles sehr ästhetisch. Trotzdem nimmt man parallel wahr, dass es ein Konstrukt ist. Das ist an und für sich nichts Neues - Malerei ist immer ein Konstrukt. Die konzeptuelle Malerei kennt man seit den 60er Jahren. Fontana hat die Leinwand zerrissen, damit man die Wand dahinter sieht - das war seine Art und Weise zu zeigen, dass die Malerei eine Illusion ist. Ich gehe davon aus, dass Patric Sandri auch die Arbeit von Robert Ryman kennt und von ihr beeinflusst wurde - seine weissen Bilder sind sehr nah an Rymans Werken, vielleicht ist es eine Anlehnung oder Fortsetzung? Es ist offensichtlich, dass Sandri experimentiert und neue Möglichkeiten austestet um zu sehen, wie weit er mit seinen begrenzten Werkzeugen kommt: Die Andeutung an die konkrete Kunst, die Geometrie, dieses Spiel zwischen Farbe, Form, Dimension und Räumlichkeit. Die Bilder sind alle sehr schön, sehr ästhetisch und dennoch wohlüberlegt.

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