GASTKURATOR: aLEXANDRA bLÄTTLER

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Alexandra Blättler ist seit 2006 Kuratorin der Coalmine (Volkart Stiftung) in Winterthur, seit 2012 Kuratorin der Gebert Stiftung für Kultur in Rapperswil und seit 2014 gemeinsam mit Sabina Rusterholz künstlerische Leiterin der Klöntal Triennale. 2013 erhielt sie das Stadtzürcher Stipendium für Kunstvermittlung, 2011 den eidgenössischen Swiss Art Award. Davor war sie Kuratorin der Stiftung BINZ39 in Zürich, Assistenzkuratorin am Kunsthaus Zürich und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fotomuseum Winterthur. Für uns hat sie die Künstlerinnen und Künstler des zweiten Quartals 2015 angeschaut und uns im gemeinsamen Gespräch ihre Favoriten gezeigt. Hier ist ihre Auswahl.

 

Mir fällt es spontan schwer in Worte zu fassen, was ich für gute oder ansprechende Kunst halte wenn es um junge bis sehr junge Kunst geht. Mit meiner längeren Erfahrung als Kuratorin, die immer wieder vorzugsweise mit einer jungen Generation von Kunstschaffenden arbeitet, erwarte ich von eben dieser keinen unbedingt genuinen Charakter. Wenn ich im Gegensatz mit erfahrenen oder sogar etablierten Künstlern arbeite, kann es gerade diese Einzigartigkeit sein, die mich reizt. Das heisst nicht, dass ich nicht immer wieder auf der Suche bin, nach genau diesem „einen Etwas“ in der Zusammenarbeit mit der jungen Generation. So gibt es immer auch wieder an Abschlussausstellungen einer Kunsthochschule den einen oder anderen Künstler wo ich denke: da steckt was drin, darüber will ich mehr wissen.

Was mich anspricht sind Werke oder Künstler, die ich nicht eindeutig in einem bestimmten Zeitraum oder innerhalb eines Interessensfeldes einbetten kann, die mich im Moment irritieren und interessieren und mit denen ich mich aber auch weiter auseinandersetzen möchte. Gerade wenn ich viele Portfolios in der Folge, wie nun etwa bei up&coming oder für eine andere Jury durchschauen muss, bilde ich mir relativ schnell eine Meinung. Das sind ganz spezifische Punkte, die man durch dekliniert, sei dies z.B., um nur zwei zu nennen, der Punkt der Aktualität oder der medialen Reflexion, aber ganz klar spielt auch die persönliche Vorliebe eine ausschlaggebende Rolle. Bei Performance zum Beispiel läuft man bei mir rasch die Gefahr, sich zu sehr mit dem eigenen Körper und seinen Grenzen zu beschäftigen und somit in die Abramovic-Schublade gesteckt zu werden. Auch bei Malerei erwische ich mich manchmal, dass ich oft voreilig abschweife und weiter ziehe. Die Zusammenarbeit mit anderen Kunstexperten ermöglicht jedoch, genauer hinzuschauen und zweite Chancen zu geben. Da bringt jedes Jury-Mitglied seine eigene Spezialität mit, man ergänzt sich und widerspricht sich. Die Kehrseite der Medaille ist, dass ich in Bereichen wie der Konzeptkunst, in der ich mich besonders gut auskenne, die Ansprüche entsprechend hochschraube. Gerade in der heutigen Zeit gehört die Beschäftigung mit der „historischen“ Konzeptkunst zum guten Ton. Was nicht heisst, dass ausserordentlich viel gute konzeptuelle Kunst gemacht wird. 

Grundsätzlich gehe ich als Kuratorin in meiner Stellung immer wieder gerne Risiken ein. Das heisst, dass ich versuche, Künstlern einen Raum zu schaffen, in welchem sie einerseits experimentieren können und wollen und wo ich aber auch mal nicht weiss, ob es gelingen wird. Ich wähle die Künstler sehr präzise aus - oftmals auch dank Tipps aus meinem Umfeld. Die meisten Künstler, mit denen ich Ausstellungen mache, beobachte ich über eine gewisse Zeitspanne. Ich baue aber auch immer Raum für spontane Einladungen ein. Interessanterweise kamen in letzter Zeit vermehrt Künstler auf mich zu und haben sich sozusagen bei mir für eine Ausstellung beworben. Das ist schön, zeigt es doch auch, dass sich diese Leute mit meinem Programm identifizieren und man anscheinend bei vorangehenden Künstlern einen guten Eindruck hinterlassen hat. Am Ende des Tages ist es für mich wichtig, dass die Leute, mit denen ich so nahe arbeite, zufrieden oder sogar glücklich sind. Das nenne ich ein Erfolgserlebnis.

 

Karin Lustenberger

 Karin Lustenberger, Here and Now, 2013

Karin Lustenberger, Here and Now, 2013

Die gesamte Präsentation von Karin Lustenberger kommt stimmig daher. Damit merkt man, dass sie schon etwas erfahrener ist als andere zur Auswahl stehende Kunstschaffende. Hier möchte ich betonen, dass meine erste Reaktion auch immer stark davon abhängt, wie ein Dossier oder eine Webseite eines Künstlers daher kommt. In ihrem Fall finde ich die Webseite ansprechend und logisch gestaltet und auch die Auswahl der Installationsansichten ist gut. Damit zeigt ein Künstler bereits, wie sehr er selber zu seiner Arbeit steht und sie einzuschätzen weiss. Soviel als einleitende Bemerkung zur Dokumentation künstlerischer Arbeiten. 

Karin Lustenberger setzt sich auf interessante Art und Weise innerhalb ihrer Multimedia-Installationen mit dem Generieren von Bildebenen auseinander. Dabei kriegt auch die Technik eine Sichtbarkeit, was in ihrem Fall überzeugend wirkt. Es gibt künstlerische Positionen,  bei denen Technik eine grosse Rolle spielt, sie aber versteckt wird. Karin Lustenberger bringt Technik und Inhalt auf einer Bühne zusammen. Ohne ihre Arbeit je live gesehen zu haben, wird über die Dokumentation das Interesse geweckt, mehr über ihre performativen Installationen erfahren zu wollen. Kurz gesagt: hier wird meine Neugierde geweckt und ich möchte gerne mehr dazu wissen und bestenfalls selber live Zeuge ihrer audio-visuellen Strukturen werden und das generative Potential testen. 

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Tobias Nussbaumer

 Tobias Nussbaumer, Ohne Titel (Träger und Kleid), 2014

Tobias Nussbaumer, Ohne Titel (Träger und Kleid), 2014

Bereits der erste Blick verrät: Tobias Nussbaumer ist ein begnadeter Zeichner. Seine Raumphantasien sind von bestechender Brillanz. Er spielt mit malerischen Kompositionsmitteln genauso wie mit fotografischen Perspektiven. Verschiedene Indizien im Bild geben der grauen Stille etwas Beruhigendes und Beunruhigendes gleichermassen. Man wird Zeuge einer menschenleeren Bühne, wobei klar ist, dass etwas vorgefallen sein muss. Das verleiht den Bildern auch etwas Melancholisches. Neben einer architektonischen Situation präsentiert er uns auch ein gedankliches System. Trotz Zentralperspektive spielt sich viel im Bildraum ab, sodass wir uns in Details verlieren. Nicht, dass er der erste Zeichner ist, der derartige Szenerien generiert. Aber eine der ältesten künstlerischen Ausdrucksformen, das Zeichnen, trifft hier gekonnt auf Motive der Gegenwart.

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Grégory Sugnaux

 Grégory Sugnaux, Parhélie (Ausstellungsansicht), 2014

Grégory Sugnaux, Parhélie (Ausstellungsansicht), 2014

Grégory Sugnaux ist für mich sozusagen die Entdeckung im Kontext der diesen Sommer stattgefunden Swiss Art Awards. Gekonnt komponiert der Künstler eine Rauminstallation mit den Medien Skulptur und Malerei indem er eine präzise Setzung vornimmt und dabei die Wände genauso mit ein bezieht. Ohne viel über seine Arbeit zu wissen wird unmittelbar das Bedürfnis geweckt, mehr über das Zusammenspiel von Gemälden und Skulpturen in Erfahrung bringen zu wollen. Die Materialität sticht durch ihre Rohheit heraus. Es stellt sich z.B. die Frage nach ihrer Authentizität. Sehen wir jenes Material, welches wir zu sehen glauben? Sehen wir vielleicht Modelle von Outdoor Skulpturen? Kennen wir diese Formen vielleicht aus unserer Kindheit? Entspringen die Formen aus einem Biotop primitiver Zeichensprachen? Eine interessante Position, hier möchte ich unbedingt mehr in Erfahrung bringen. 

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