GASTKURATOR: CHRISTIAN ZINGG

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Christian Zingg war von 1990 bis 2014 Kurator der Julius Bär Art Collection und seit 2001 zudem Manager der Julius Bär Foundation. Davor war er von 1986 bis 1990 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Auktionshaus Germann. Seit September 2014 ist er in Pension. Christian Zingg hat für uns die Künstlerinnen und Künstler des dritten Quartals 2015 angeschaut und uns im gemeinsamen Gespräch seine Favoriten gezeigt. Hier ist seine Auswahl.

 

Die Beurteilung von zeitgenössischer junger Kunst hat viel mit Erfahrung zu tun. Ich habe mit den Jahren ein Gefühl entwickelt, gemäss dem ich sehr schnell beurteilen kann: Das packt mich, das weniger. Bei der Beurteilung eines Künstlers ist mir wichtig, dass die Eigenständigkeit des Künstlers heraussticht. Was mich stört, ist wenn ich in der Arbeit eines Künstlers andauernd Ideen sehe, die schon bekannt sind oder schon von einem anderen Künstler bereits umgesetzt wurden. Gleichzeitig kommt das bei jungen Künstlern oft vor, weil sie ihren Weg noch suchen. Seinen eigenen Weg zu finden ist eine der Schwierigkeiten und Herausforderungen. Gleichzeitig ist auch das technische Können ein wichtiges Kriterium. Gerade bei den Jüngeren bin ich oftmals etwas enttäuscht, allzu Gebasteltes fällt mir schwer gutzuheissen. Mir ist es auch wichtig, eine gewisse Selbstkritik bei den Künstlern zu spüren. Ein Künstler sollte nicht alle seine Arbeiten in den Markt geben, sondern gewisse Dinge auch einfach zurückhalten. Da ist manchmal auch etwas Selbstkritik gefragt. Alberto Giacometti hat ständig Werke zerstört, weil sie ihm nie gut genug waren. Sein Bruder Diego musste sie ihm richtiggehend wegnehmen! 

Bei der Sammlung der Bank Julius Bär kauften wir immer mit der Philosophie, einen vielversprechenden jungen Künstler zu fördern. Es geht nicht um ein Investment: In den 35 Jahren ihrer Existenz hat die Sammlung nie etwas verkauft; das ergibt ein schönes Gesamtbild, was wurde über all die Jahre gesammelt? Wir nahmen Künstler oftmals nicht ganz am Anfang auf, sondern erst wenn sie sich durch eine gewisse Anzahl Ausstellungen, durch ein Stipendium oder einen Preis bewährt hatten - sprich wenn auch andere fanden, der Künstler hat Potenzial. Aber sie waren immer noch am Anfang ihrer Karriere und auch die Preise ihrer Werke noch tief. Klar sind da auch Werke von Künstlern dabei, die sich dann nie durchgesetzt haben. Auf der anderen Seite haben wir auch nicht jeden wahrgenommen, der sich später durchsetzte. Wenn eine Sammlung grob gesagt nach 20 bis 30 Jahren 5 Prozent Topwerke hat, 20 Prozent gute Werke, 50 Prozent mittlere unter "Ferner liefen" und die restlichen 25 Prozent zum Vergessen, ist das ein gutes Verhältnis.

 

Corsin Billeter

Corsin Billeter, /Web_History_Painting_Series/, 2014

Corsin Billeter, /Web_History_Painting_Series/, 2014

Billeter macht in seinem jungen Alter eigenständige konkrete Kunst, welche mich nicht direkt an einen der berühmten Schweizer Konkreten denken lässt. Das finde ich spannend. Ich denke er ist mein Favorit in dieser Auswahl.

Besonders sein Video auf seiner Webseite hat mir gefallen. Mit konkreter Kunst ein Video zu machen, in dieser Art habe ich das noch nicht gesehen. Natürlich ist es wohl das einfachste für jeden Computerexperten, aber man muss es halt eben machen. 

Billeter erzielt die Effekte im Video mit einfachsten Mitteln wie Veränderung der Geschwindigkeit. Das sind alles einfache Funktionen, aber ich finde es wirklich gut. Auch die Bilder an der Wand gefallen mir. Wenn man auf dieser konkreten Schiene fahren will, dann hat er etwas Eigenes. Von ihm möchte ich mehr sehen. Wo geht der hin? Es fragt sich immer; ist konkrete Kunst nicht überholt? Aber es geht offenbar. Man kann immer noch Neues bringen. 

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Robert Kirov

Robert Kirov, r∴x, 2015

Robert Kirov, r∴x, 2015

Kirov fand ich spannend. Die Art Malerei habe ich so noch nicht gesehen, auch wenn sie vielleicht an andere abstrakte Künstler erinnern mag. Auch die Arbeit mit den Plastikbechern ist neu für mich. Sein Schaffen ist schwierig zu beurteilen, da er auf seiner Webseite keine weiteren Arbeiten zeigt und er abgesehen von der Jungkunst ausserhalb des Studiums noch keine Ausstellungen hatte. Ich frage mich ob die Gemälde mit Pinsel oder Spraydosen gemalt bzw. gespritzt wurden.

Die Arbeiten von Gerhard Richter kommen mir bei ihm in den Sinn, und selbst bei Richter kann man sagen: Irgendwann hat man auch das gesehen. Dennoch: Robert Kirov ist einer der spannenderen Künstlern in der Auswahl in diesem Quartal.

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Sara Gassmann

Sara Gassmann, Miralite Evolution, 2014

Sara Gassmann, Miralite Evolution, 2014

Auf der sehr gut gemachten Website von Sara Gassmann erhält man einen guten Einblick in ihre Arbeiten. Dort überzeugen mich die veschiedenen Glasarbeiten. Ich fühle mich davon angesprochen und verspreche mir hier eine spannende Entwicklung.

Es ist mir bei ihr aber nicht ganz klar, welchen Stellenwert die verschiedenen Produktionsweisen haben; sprich die Malerei und die überzeugenden Installationen.  Die Malerei in ihrer naiven und rasch hingeworfenen Art spricht mich kaum an, während die verschiedenen Assemblagen vielleicht ein Versprechen für weiter entwickelte Arbeiten sind.

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Basil Schubert

Basil Schubert, Baugespann, 2013

Basil Schubert, Baugespann, 2013

Basil Schubert ist der Jüngste in der Auswahl. Leider hat er keine Webseite. Die Arbeit mit den Pflanzen hat mich sofort angesprochen. So etwas hat ein ehemaliger Studienkollege vor 30 oder 40 Jahren auch gemacht. Er hatte eine frische Gurke, einen Salatkopf und Ähnliches im Vakuum eingeschweisst und während der Ausstellung ist das Gemüse langsam im Beutel verfault. Aber ich denke Schubert ist selbst auf die Idee seiner Arbeit gekommen.

Das hier gezeigte Foto erinnert mich auch ein wenig an Onorato/Krebs, ein junges Schweizer Künstlerpaar. Es gibt noch nicht viele Arbeiten von Schubert zu sehen, aber ich sehe Potenzial und habe Lust auf mehr.

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