GASTKURATOR: Marianne Burki

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Marianne Burki leitet seit 2005 die Abteilung Visuelle Künste der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia. Zuvor war sie Leiterin des Kunsthaus Langenthal. Zudem arbeitete sie als freie Mitarbeiterin beim Feuilleton des «Bund», als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Paul-Klee-Stiftung und Projektleiterin des Werkkatalogs Paul Klee. Daneben nahm sie verschiedene Lehraufträge für Kunst- und Architekturgeschichte wahr, unter anderem an der Fachhochschule für Architektur in Biel sowie an der Schule für Gestaltung Bern. Marianne Burki hat für uns die Künstlerinnen und Künstler des vierten Quartals 2015 angeschaut und uns im gemeinsamen Gespräch ihre Favoriten gezeigt. Hier ist ihre Auswahl.

 

Das Ziel von Pro Helvetia ist es, Schweizer Kunst zu fördern. Deswegen schauen wir mit einem sehr breiten Blick auf das Kunstschaffen, viel breiter als ich es zum Beispiel als Kuratorin einer Ausstellung tun würde.  Es geht darum, Künstlerinnen und Künstlern eine möglichst optimale Förderung zukommen zu lassen – und in der Auswahl "gerecht", das heisst transparent zu sein. In meiner Rolle bei der Pro Helvetia wähle ich auch nie einfach selber aus, wir entscheiden im Team – oder dann in den dafür eingesetzten Kommissionen und Juries. Ich mag Juryarbeit  und die intensive Diskussion sehr - durch die Arbeit im Kollektiv stosse ich immer wieder auf neue Sichtweisen und Interpretationen. 

Natürlich träumen wir davon, das Potenzial eines Künstlers sehr früh zu erkennen. Es freut mich wahnsinnig, wenn wir zum Beispiel einen heute erfolgreichen Künstler oder eine Künstlerin früh im Rahmen der Cahiers d'Artistes, unserer Publikationsreihe für erste monographische Künstlerpublikationen, ausgewählt hatten. Wenn ich das Archiv durchschaue, ist dies in diesem Projekt recht häufig der Fall. Doch natürlich täuschen wir uns auch – in die eine oder andere Richtung. Oder eine künstlerische Laufbahn entwickelt sich schneller oder langsamer als erwartet, oder wird unterbrochen. Deshalb finde ich es so bewundernswert, wenn jemand wirklich ein gutes Gespür für Qualität hat, auch Sammler. Künstlerische Karrieren sind sehr vielfältig, mit Galerien, privaten Sammlern und Kuratoren in verschiedenen Rollen. Gerade heute spielen Privatsammler im Markt eine sehr wichtige Rolle. Auch die mittlerweile zahlreichen Museen und Kunsthallen mit Fokus auf zeitgenössische Kunst tragen viel zur Sichtbarkeit auch von ganz jungen Positionen bei.

Persönlich habe ich sicher eine Vorliebe für Werke, welche mit einer grossen Recherche entwickelt werden – formal oder inhaltlich. Ich stelle mir immer vor, dass ein spannendes Kunstwerk mindestens drei Ebenen in die Tiefe führt – wenn es bei mir schon vorher stockt, dann liegt es entweder an mir und ich brauche umso mehr die Diskussion – oder vielleicht ist die Arbeit auch noch zu wenig durchdacht. Oft brauche ich Zeit, um eine bestimmte Qualität auch wirklich zu erkennen und vertiefe mich daher gerne auch über längere Zeit.

 

Florine Leoni

Florine Leoni, En Garde, 2014

Florine Leoni, En Garde, 2014

Florine Leonis Arbeiten greifen zeitgenössische Themen auf – sie setzt sie mit einer Formensprache der Wissenschaft aber in Form von Science Fiction um. Dass hier auch noch tänzerische Positionen ihren Einfluss ausüben, hat mich genau in diesem Mix angesprochen. 

Die Künstlerin arbeitet kontinuierlich an bestimmten Themen und entwickelt diese weiter. Die Auswahl an Arbeiten hat immer etwas Laborhaftes, Steriles. So entsteht für mich auch das Gefühl, dass ich selber ebenfalls analysiert, beobachtet werde. Und ebenso wird mir suggeriert, immer wieder etwas Neues zu testen, etwas Unbekanntes zu untersuchen. Die Installationen sind sozusagen “Testfelder”, eine Art Labor. Das Werk hat eine Konzentration und Dichte in Form und Sprache: Das Verhandlen von verschiedenen Positionen, das Ausprobieren. Diese Ausstellungen würde ich gerne sehen, sie sind von einer ganz speziellen Ästhetik geprägt. In Verbindung mit der Dichte der Recherche und auch der sorgfältig gewählten Sprache, arbeitet die Künstlerin konzentriert an einem Feld, welches sehr viele Möglichkeiten zu einer konsequenten Weiterentwicklung bietet. 

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Deirdre O'Leary

Deirdre O'Leary, Pendel, 2013/2014

Deirdre O'Leary, Pendel, 2013/2014

Die Arbeit von Deirdre O'Leary wirkt sehr spielerisch. Hier und dort sehe ich Dinge zwar nicht zum ersten Mal, doch sie haben etwas sehr subjektiv Poetisches, auch Leichtfüssiges: Der Ventilator, die Steine, das Glas mit dem Verstärker. Die Künstlerin sucht mit den von diesen “Dingen” verursachten Phänomenen etwas herzustellen, vielleicht ein neues “Ding”. Das gefällt mir sehr gut. 

Auch das Werk They Made Me Do It mit den Hasen an der Wand: Es hat etwas Lustiges – doch das Lustige bleibt dann irgendwie doch im Hals stecken. "They Made Me Do It"  - "Ich bin unschuldig, ich habe keine Handlungsfreiheit, ich bin gezwungen worden." Eine anregende Reise durch die Selbstbestimmung und Selbstwahrnehmung.  Deirdre O’Leary nutzt unterschiedliche künstlerische Möglichkeiten - arbeitet sie mit "Found Objects", nimmt sie zwar (so scheint es) irgendetwas. Doch ein kleiner Dreh, und schon entsteht das gestaltete neue “Ding”: vom normalen Nussknacker zur Nussknackerin eben.

Was mir ebenfalls auffällt ist der sorgfältigen Umgang mit Licht und Schatten. Und es bleiben Fragen offen: soll die Betrachterin verstehen, was sie sieht? Dann müssten mehr Fakten zur Installation zur Verfügung stehen. Oder soll mit fehlenden Informationen gespielt werden? Im Überblick erscheinen die Arbeiten auf den ersten Blick vielleicht auch etwas disparat. Und doch bleibt es dabei: hier tüftelt jemand ständig an der Befindlichkeit der Welt – an der Befindlichkeit der Wahrnehmung. Und dieses Tüfteln hat etwas Einnehmendes. 

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Livio Baumgartner

Livio Baumgartner, All The Things You Are, 2012

Livio Baumgartner, All The Things You Are, 2012

Was ist das jetzt ganz genau? Ein Bett, etwas zum Trainieren, geht es um Sport, oder ist es ein Krankenbett? Wie viel ist inszeniert, was ist gefunden? Livio Baumgartner's Arbeiten lassen Vieles offen, es ist ein assoziierender Werdegang der Werke. Doch es ist gerade auch diese Experimentierfreudigkeit, mit allen damit verbundenen Risiken, die herausfordert. 

Einige Werke sind von einer ausgeprägten Ästhetik, andere scheinen fast zufällig an gewisse Sachen zu erinnern, zum Beispiel “All The Things You Are” – andere wiederum scheinen sehr konzeptionell ausgewählt, formuliert, gestaltet. 

Die Fotogramme eröffnen einen separaten Weg innerhalb des Werkes. Sie bewegen sich auf dem schmalen Grat zwischen verführerischer Ästhetik und ergründetem Kitsch. Das ist sehr anspruchsvoll. Die Videoarbeit bestätigt den künstlerischen Entschluss zum unbeschwerten Experimentieren ohne Berührungsängste. Ich bin gespannt, wo der Weg hinführt!

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