
Im Zentrum der Arbeit steht ein rund zwei Meter hoher Zylinder, der aus unzähligen kunstgeschichtlichen Diapositiven besteht. Die Dias wurden von Hand aus ihren Rahmen gelöst und durch die Perforationen am Rand mit Nylonfaden zu einer Fläche und schliesslich zu einer freistehenden Säule zusammengenäht. Der Zylinder steht wie eine architektonische Struktur als Säule oder Relikt im dunklen Raum.
Von der Decke hängt eine kleine Lampe, die sich im Innern der Säule sehr langsam auf und ab bewegt. Ihr Licht durchdringt das Geflecht aus Diapositiven und erzeugt auf dem Boden eine kreisrunde Projektion, die sich stetig ausdehnt und wieder zusammenzieht. In den grossen Projektionen erscheinen die Bilder als unscharfe Farbspuren. Wenn der Lichtkreis kleiner wird, werden einzelne Motive kurzzeitig klar erkennbar, bevor sie sich erneut in der Unschärfe auflösen. Die Bewegung der Lichtquelle erfolgt zyklisch und wird an der Decke von einem kleinen, nahezu lautlosen Motor angetrieben.
Die Arbeit ist Teil der fortlaufenden Werkreihe Diachronos, Deakzession und Massendinghaltung, in der Anna-Sabina Zürrer mit ausrangierten kunst- und kulturgeschichtlichen Diapositiven arbeitet. „Dia“ bedeutet „durch“, „chronos“ „Zeit“ – Licht bewegt sich hier durch ein Material, das selbst Träger historischer Zeit ist. Der Begriff der Diachronie, ursprünglich aus der Sprachwissenschaft, wird auf die bildnerische Sprache übertragen: Die Künstlerin interessiert, wie sich visuelle Ausdrucksformen über lange Zeiträume entwickeln, weitergegeben, transformiert und neu interpretiert werden.
Die Dias stammen aus Sammlungen von Museen, Schulen und Dozierenden der Kunstgeschichte. Sie wurden nicht mehr benötigt und wären entsorgt worden. Diese aus der Zeit gefallenen Sammlungen verweisen auf eine Epoche vor dem digitalen Zeitalter, in der Diapositive eine zentrale Rolle in der Vermittlung kulturellen Wissens spielten. Ihr Wiederverwenden steht im Spannungsfeld von Deakzession – dem bewussten Loslassen, Aussortieren und Vergessen – und Massendinghaltung, also dem Bedürfnis, möglichst alles zu bewahren, zu archivieren und festzuhalten.
Indem ausgesondertes Material mit grossem zeitlichem Aufwand neu geordnet und zu einer massiven, tragenden Struktur zusammengefügt wird, entsteht ein Widerspruch: das gleichzeitige Retten und Überfordern durch die schiere Menge kultureller Zeugnisse. Die Säule wirkt wie ein Fragment oder eine Ruine – ein architektonisches Bild für das kulturelle Geflecht, in dem wir uns bewegen und auf dem unsere vermeintlich neuen Schöpfungen aufbauen. Denn: Sind unsere vermeintlichen «Neukreationen» wirklich neu, oder sind sie unbewusst aus bereits Bestehendem übernommen und oft nur neue Kombinationen oder Interpretation von früher Existiertem? Wiederholen wir Geschichte?
Der Titel Zyklos verweist auf den Kreis und den Umlauf, aber auch auf zyklische Bewegungen von Erinnerung und Vergessen. Die kreisförmige Projektion erscheint und verschwindet wie ein Echo der Vergangenheit. Die Verschiebung der Lampe verändert Distanz, Schärfe und Fokus und macht sichtbar, dass Wissen nie statisch ist, sondern sich je nach Zeit, Perspektive und Relevanz ständig neu formt.
Diapositive, Nylonfaden, LED-Lampe, Kabel, Umlenkrolle, Riemenantrieb, Motor
Diapositive, Nylonfaden, LED-Lampe, Kabel, Umlenkrolle, Riemenantrieb, Motor